Was in Fukushima vermutlich geschah – eine Chronologie

1. April 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Karl-W. Koch hat die wesentliche Chronologie der Ereignisse im Einzelnen zusammengestellt:

11. März (Tag 1)

14:46 Uhr: Japan wird im Nordosten vom schwersten Erdbeben seiner Geschichte erschüttert. Nach wenigen Minuten trifft eine erste Flutwelle auf die dortige Küste.

ca. 15:40/16:00 Uhr: Eine weitere bis zu 23 Meter hohe Flutwelle (Tsunami) trifft auf die Nordostküsten Japans. Die Höhe hängt mit der lokalen Küstenstruktur und dem Vorhandensein von Flussmündungen zusammen. (Anm. d. Verf.: Die Welle in Fukushima ist laut Spon 14 m hoch)

12. März (Tag 2)

14:00 Uhr: Die Atomsicherheitsbehörde teilt mit, dass in Fukushima I möglicherweise eine Kernschmelze begonnen habe.

15:36 Uhr: Im Atomkraftwerk Fukushima I kommt es zu einer Wasserstoffexplosion. Das Dach und die Wände des Reaktorgebäudes 1 werden zerstört, Rauch steigt auf. Vier Arbeiter werden dabei verletzt. Einer Stellungnahme der Regierung zufolge wurde der Sicherheitsbehälter (Anm. d. Verf.: gleich Reaktordruckbehälter) nicht beschädigt, die Strahlungswerte am Werkstor sollen 70-fach über den Normalwerten gelegen haben.

13. März (Tag 3)

Erhöhte Radioaktivität wird festgestellt

11:13 Uhr: nach Angaben der Presseagentur Kyodo habe die Behörde ein Leck in Block 1 vermutet. Anlass dazu gäben Ortsdosisleistungsmessungen mit Werten über 1,2 mSv/h. Nach Informationen von CNN habe der Regierungssprecher Edano (um 12:06 Uhr) gesagt, dass sich möglicherweise eine Kernschmelze ereignet haben könnte.

16:00 Uhr: Die japanische Regierung spricht von der Möglichkeit einer bevorstehenden weiteren Explosion in Fukushima I. Im Reaktorblock 3 gebe es möglicherweise ebenfalls eine partielle Kernschmelze.

Plutoniumfreisetzung droht

Der havarierte Reaktor 3 in Fukushima wird mit sog. MOX-Brennstäben gefahren[1]. Diese Recycling-Brennstäbe bestehen aus mehreren Uran- und Plutoniumoxiden.

14. März (Tag 4)

11:45 Uhr: Im Kernkraftwerk Fukushima I ereignet sich im Reaktor 3 eine Wasserstoff-Explosion. Elf Menschen werden verletzt. Nach Angaben des Betreibers TEPCO bleibt die Stahlhülle des Reaktors (Anm. d. Verf.: gleich Containment) intakt.

Eine teilweise Kernschmelze hat möglicherweise im Reaktor 2 des japanischen Kernkraftwerkes Fukushima I stattgefunden. Dies teilte die Betreiberfirma Tepco mit. Ein erster Versuch, den Reaktor mit Meerwasser zu kühlen, ist fehlgeschlagen. [2]

21:55 Uhr: Im Kernkraftwerk Fukushima I droht nach der Erklärung von Regierungssprecher Yukio Edano eine Kernschmelze in drei Reaktoren. Im Areal um das AKW wird eine erhöhte Radioaktivität festgestellt.
(Anm. d. Verf.: man beachte den Widerspruch!)

15. März (Tag 5)

06:15 Uhr: In Fukushima I kommt es im Reaktor 2 zu einer Explosion – die dritte in dem AKW. Dieses Mal wird von einem Druckabfall berichtet, was auf eine Beschädigung der Reaktorhülle (Anm. d. Verf.: gleich Reaktordruckbehälters) selbst hindeute, sagt TEPCO.

08:54 Uhr: Im Block 4 (Anm. d. Verf.: vermutlich im Abklingbecken) bricht ein Feuer aus und es gibt eine Wasserstoffexplosion.

12:16 Uhr: Nach Regierungsangaben wurde bei der dritten Explosion erstmals eine innere Schutzhülle (Anm. d. Verf.: Containment Reaktor 2) beschädigt.

16. März (Tag 6)

05:45 Uhr: die japanischen Behörden melden, dass ein Feuer im Block 4 entdeckt worden sei.

00.55 Uhr (MEZ): Greenpeace meldet: „Die Brennstäbe in zwei Reaktoren des AKW Fukushima sind nach Angaben des Betreibers Tepco bereits erheblich beschädigt. In Reaktor 1 seien bereits rund 70 Prozent der Brennstäbe beschädigt, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch. In Reaktor 2 seien es etwa 33 Prozent.“[3]

20. März (Tag 10)

Verantwortliche des Atomkomplexes Fukushima haben bekannt gegeben, dass in zwei von sechs Abklingbecken für verbrauchte Brennelemente in dem Kernkraftwerk die Lage wieder unter Kontrolle sei. Die Temperatur in den Becken sei in einen normalen Bereich abgekühlt. In den anderen Blöcken wird an der Kühlung der Reaktoren und Abklingbecken weiter mit Hochdruck gearbeitet.[4] (Anm. d. Verf.: heißt, dass in allen sechs Reaktoren die Lage in den Abklingbecken außer Kontrolle war und in vier von sechs sie es immer noch ist!)

21. März (Tag 11)

Aus dem Reaktor 3 des AKW Fukushima steigt gräulicher Rauch aus. Die Arbeiter wurden abgezogen und mussten Schutzräume aufsuchen. Zuvor war über Block 3 grauer Rauch aufgestiegen, der mittlerweile aber wieder verschwunden ist. Kaum hat sich die Rauchwolke aus Block 3 verzogen, steigt nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo nun über dem havarierten Reaktor Nummer 2 Rauch auf. Dieser ist seit Sonntag wieder an das Stromnetz angeschlossen.[5]

23. März (Tag 13)

In Trinkwasser in fünf Orten der Präfektur Fukushima ist für Babys ein zu hoher Wert an radioaktivem Jod festgestellt worden. Auch in Gemüse waren schon sehr hohe Werte festgestellt worden. Sorge bereitet Fachleuten auch die starke radioaktive Belastung, die im Meerwasser vor der Küste Japans gemessen wurde. Regierungssprecher Yukio Edano sagte dazu, es sei noch zu früh, um die Auswirkungen der Verstrahlung auf Fische im Meer und auf Pflanzen zu beurteilen.[6]

24. März (Tag 14)

17 Arbeiter haben laut Kyodo eine Strahlenbelastung von mehr als 100 Millisievert erlitten. Rund zwei Millisievert beträgt der Wert, den ein Mensch in Deutschland jährlich an natürlicher Hintergrundstrahlung abbekommt.[7]

25. März (Tag 15)

Eine Verstrahlung von Arbeitern mit 10.000-fach erhöhter Radioaktivität im AKW Fukushima deutet nach Einschätzung der japanischen Behörden auf eine erhebliche Schädigung des Reaktorblocks 3 hin. Experten der Reaktorsicherheitsbehörde (NISA) vermuten entweder eine partielle Kernschmelze mit einer Beschädigung des Reaktorbehälters oder eine Überhitzung des Abklingbeckens für abgebrannte Kernbrennstäbe.[8]

26. März (Tag 16)

Insgesamt ist in vier der sechs Reaktorblöcke des AKW Fukushima 1 radioaktiv belastetes Wasser festgestellt worden. Der Wasserpegel bei Reaktor 1 und 3 würde im Untergeschoss der Turbinenräume bis zu 40 Zentimeter beziehungsweise bei 1,5 Meter liegen, meldet die dpa. In den Reaktorblöcken 2 und 4 stehe das Wasser bis zu einem Meter beziehungsweise bis zu 80 Zentimeter hoch. Der Grund, warum das Wasser stark radioaktiv belastet ist, ist offiziell unklar.

27. März (Tag 17)

Tepco meldet, im Reaktor 2 des schwerbeschädigten japanischen Atomkraftwerks sei die Radioaktivität drastisch angestiegen. Die Strahlung im Wasser des Turbinenhauses sei auf einen Wert von zehn Millionen Mal über normal (Anm. d. Verf.: bez. auf Meerwasser) gestiegen. Kabinettssekretär Yukio Edano sagte, das extrem radioaktiv verseuchte Wasser stamme „nahezu sicher“ aus einem Reaktorkern.[9]

Die Radioaktivität in Reaktor 2 erreichte am Sonntag einen Wert, der tödlich sein kann. Die von der Betreibergesellschaft Tepco im Reaktor gemessenen mehr als 1.000 Millisievert pro Stunde können nach Einschätzung der US-Umweltbehörde schwere Blutungen auslösen. Das Kraftwerk wurde am Sonntag umgehend evakuiert. Die Mitarbeiter, die die Messungen vornahmen, seien aus Reaktorblock zwei geflohen, bevor eine zweite Messung abgeschlossen war, hieß es.
Kabinettssekretär Yukio Edano sagte im japanischen Fernsehen, das extrem radioaktiv verseuchte Wasser stamme „nahezu sicher“ aus einem Reaktorkern. Die genaue Ursache sei nicht bekannt. Befürchtet wurde ein Riss oder Bruch in einer der Schutzhüllen um einen Reaktorkern.[10] (Anm. d. Verf.: Das wird lt. anderer Quellen, u.a. FAZ, vom Regierungssprecher Edano, „nahezu sicher“ bestätigt)

28. März (Tag 18)

Die japanische Regierung räumte eine Kernschmelze in Reaktorblock 2 ein. Diese habe wahrscheinlich schon kurz nach dem Tsunami begonnen.

Dass, was viele bereits befürchtet haben, ist jetzt eingetreten: Im Reaktor 2 hat nach Einschätzung der japanischen Regierung vorübergehend eine Kernschmelze eingesetzt.
Das sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Montag. Die im dortigen Turbinengebäude im Wasser entdeckte hochgradige Radioaktivität sei auf die teilweise Kernschmelze zurückzuführen, sagte der Sprecher. Dort waren mehr als 1.000 Millisievert pro Stunde gemessen worden.[11]

Zum ersten Mal wurde am Montag auch außerhalb des Gebäudes von Reaktor 2 stark radioaktives Wasser entdeckt. In mehreren Kontrollschächten eines unterirdischen Kanals, der aus dem Turbinengebäude des Reaktors hinausführt, habe sich verstrahltes Wasser angesammelt, teilte ein Tepco-Sprecher mit. Die Radioaktivität betrage 1000 Millisievert pro Stunde.[12]

30. März (Tag 20)

Anhand der niedrigen Druckwerte in Block 2 und 3 schlussfolgert die NISA auf einer Pressekonferenz, dass die Reaktordruckbehälter defekt sein könnten. Es wird jedoch ausgeschlossen, dass größere Schäden am Reaktordruckbehälter aufgetreten sind.[13]

Lage der Reaktoren:

Reaktor 1: Kein Kühlmittel im Reaktordruckbehälter. Schmelze oder Explosion des Reaktorcontainments jederzeit möglich.

Reaktor 2: Das Gleiche, Schäden am Reaktorcontainment.

Reaktor 3: Schäden am Reaktorcontainment. Gefahr einer erhöhten Freisetzung von Plutonium durch den Einsatz von MOX-Brennelementen.

Reaktor 4: War außer Betrieb, daher keine Brennstäbe mehr im Reaktorcontainment. Alle Brennelemente liegen im Abklingbecken. Dort ist offenbar zumindest teilweise eine Kenschmelze eingetreten, die Strahlenbelastung ist dadurch extrem hoch.

Da es in allen vier Reaktoren schwere Explosionen gegeben hat und offenbar alle vier bereits hochgradig verstrahlt sind, ist nicht zu erwarten, dass sich durch den Stromanschluss die Lage irgendwie bessert. Pumpen etc. dürfte weitgehend zerstört sein. Reparaturarbeiten vor Ort aufgrund der extrem hohen Strahlung wären unmöglich.

Reaktor 5 und 6: Beide waren ebenfalls außer Betrieb, die Abklingbecken scheinen noch intakt zu sein, die Kühlung allerdings ist auch hier fraglich. Da es keine Explosionen gab, könnte diese wieder ein Gang gesetzt werden durch Wiederanschluss an das Stromnetz. Das allerdings hängt davon ab, ob die Kühlpumpen noch intakt sind und mit Strom betrieben werden können.

Bewertung:

Zumindest in den Rektorcontainments 1 bis 3 und im Abklingbecken vier laufen seit längerem Kernschmelzen. Entweder werden diese die Bodenbehälter bzw. Containments zerschmelzen (vermutete Temperatur der „Atomsuppe“ ca. 2.000°C, Schmelzpunkt der Stahlbehälter ca. 1.500 °C!) und dadurch wird dann extrem viel Radioaktivität freigesetzt oder es kommt in den Reaktorcontainments 1 bis 3 zu Wasserstoff/Knallgas-Explosionen mit derselben Folge. Eine Explosion des Reaktorcontainments 3 wurde vermutlich nur durch Anbohren und Freisetzen des Knallgasmischung (und Radioaktivität) verhindert[14].

Die Freisetzung von Radioaktivität aus dem Abklingbecken in Reaktor 4 läuft seit der Explosion (Becken, KEIN Containment!).

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Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Chronologie_der_Katastrophe_in_Japan_von_2011

http://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearunf%C3%A4lle_von_Fukushima-Daiichi

weitere Quellen (zitiert nach Wikipedia):

[1] u.a. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,750668,00.html

[2] Tagesschau 14.03.2011 13:29 Uhr

[3] http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/nachrichten/artikel/erdbeben_in_japan_regierung_ruft_atomaren_notstand_aus/

[4] (Focus) 20.03.2011, 15:01 Uhr:

[5] (Focus) 21.03.2011, verschiedene Meldungen

[6] (Spon) 23.03.2011, ca. 18:30 Uhr

[7] (dpa, zitiert nach GP)

[8] (Tagesschau) 25.03.2011:

[9] (Tagesschau) 27.03.2001, abgerufen um 15:00 Uhr

[10] (Spon), 27.03.2011, abgerufen um 15:00 Uhr:

[11] (MoPo) 28.03.2011

[12] (Spon) 28.03.2011

[13] http://www.bmu.bund.de/atomenergie_sicherheit/doc/47088.php

[14] (ARD, Tagesschau, 20.03.2011 05:39 Uhr)


Karl-W. Koch www.stoerfall-atomkraft.de

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