Damals vor 25 Jahren in der DDR – Zeitzeugenbericht eines Umweltschützers

26. April 2011 § Ein Kommentar

von Dr. Leonhard Kasek, damals Mitarbeiter am Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig und Mitglied einer der größten Umweltgruppen in Leipzig, die später im Ökolöwen Umweltbund Leipzig e.V. aufging.

Die Nachricht vom GAU in Tschernobyl sickerte erst einige Tage später bis zu mir durch. Es dauerte dann nochmal einige Tage und viele Gespräche, bis mir klar wurde was da passiert war. In den 70er und 80er Jahren war für mich das Kernproblem die Braunkohle. Die Dämpfe aus den Kraftwerken und der Schwelerei in Espenhain fraßen sich regelrecht durch die Lunge. Luft war zu riechen, zu schmecken, und dank ihrer grau-braunen Farbe zu sehen. Die Lebenserwartung in den Bergbauregionen lag einige Jahre unter dem in bergbaufreien Gebieten. Dazu kamen die Pläne, Orte wie Zwenkau, Liebertwolkwitz, Teile von Markkleeberg und den südlichen Auwald bis zum Stadtzentrum wegzubaggern. Das bewegte mich vor allem, und vordergründig dagegen habe ich mich engagiert. Atomkraft war für mich das kleinere Übel.

Als Student war ich von der friedlichen Nutzung der Atomkraft fasziniert. Dann aber in den 70er Jahren sickerten die ersten Nachrichten über schwere Zwischenfälle durch. Das betraf vor allem den schweren Unfall in einer Anlage bei Detroit von 1966, der aber erst 1975 öffentlich bekannt wurde. Im Vergleich mit diesen 9 Jahren waren die Russen beinahe rekordverdächtig schnell mit ihren Informationen, die stets Tage und Wochen brauchten, bis sie die Öffentlichkeit erreichten. Angst machte sich in mir breit. Wenn das so lange dauert, bis man alles weiß, dann gibt es keine Chance sich durch angepasstes Verhalten wenigstens etwas zu schützen.

Nachrichten tauchten auf über eine radioaktive Wolke, die über Böhmen und Bayern radioaktives Cäsium abgeladen hatte und Pilze, Beeren und Wild aus diesen Gebieten vergiftete. Bayern? Lag da nicht Leipzig auf dem Weg von Tschernobyl nach Bayern? Wieso regnete es in Bayern Gift und in Leipzig nicht? Irgendwie hatten wir alle das Gefühl, dass die Russen und unsere eignen Herren versuchten, uns gewaltig zu bescheißen. Pilze, die ich bis dahin gern gesammelt hatte, ließ ich fortan stehen. Bis heute ist diese Vorsicht gegenüber Wildpilzen geblieben. Auch Wild verschwand allmählich von unserem Speiseplan.

Schon seit den 70er Jahren hatte ich beruflich viel mit Technikphilosophen zu tun. Die kamen mit Fragen wie „Kann es sein, dass die Menschheit in Zukunft die Kontrolle über die Technik verliert?“ Das waren für mich zunächst eher abstrakte Gedankenspiele, etwas entfernt von der Realität. Als Arbeitssoziologe musste ich mich zunehmend mit technischen Fertigungsprozessen und vor allem der damals sich verbreiteten Computertechnik beschäftigen. Dabei lernte ich, dass es unmöglich ist, hochkomplexe Prozesse so zu programmieren, dass sie robust gegen menschliches Versagen jederzeit fehlerfrei laufen. Was aber, wenn diese Technik versagt und feindliche Raketen anzeigt, die gar nicht fliegen? Atomwaffen wurden zur Bedrohung, die Frage des Selbständigwerdens der Technik konkret. Inzwischen ist bekannt, dass es damals tatsächlich mehrfach blinden Alarm gegeben hat und wir unglaubliches Glück hatten, dass jedes Mal in den letzten Sekunden der Atomkrieg verhindert werden konnte.

Auf diesen Hintergrund fiel bei mir die Katastrophe in Tschernobyl. Ich hatte Glück, denn unser Institutsdirektor Professor Friedrich holte Experten zur Sicherheit von Atomkraftwerken heran, vor allem aus Zittau, die uns detailliert erklärten, was da warum passiert war. Dabei haben wir auch über die Versuche der Funktionäre gesprochen, den GAU in Tschernobyl mit typisch russischer Schlamperei zu erklären. Wie schon zur polnischen Freiheitsbewegung wurde übelster Nationalismus versucht zu entfesseln, um die DDR-Bevölkerung zu beruhigen. Bei uns passiert so was nicht. Deutsche arbeiten zuverlässig und sehr gewissenhaft. Wer sich fragt, wo plötzlich im Herbst 1989 so viele Neonazis in der Ex-DDR auftauchten, muss sich auch ansehen, wie die Funktionärsclique versucht hat, die Diskussion zu Tschernobyl auszutreten.

Anfang 1987 erklärte uns dann ein Experte aus Zittau, dass Greifwald um haaresbreite an einem GAU vorbeigeschrammt war: während durch einen Blitzschlag die abführende Stromleitung komplett ausgefallen war, kam es in dieser Situation zu schweren Bedienfehlern. Ein Unwetter und menschliches Versagen, diese Kombination ist für die meisten Katastrophen in Atomkraftwerken verantwortlich.

Ende 1988 haben wir dann erfahren, dass in der etwa 50 km von Leipzig entfernten Dübner Heide ein Atomkraftwerk gebaut werden sollte. Wir sollten dazu Untersuchungen machen, um herauszufinden, was zu tun ist, um die DDR-Bevölkerung – vor allem die Bewohner im Umkreis von etwa 100 km – von Anfang an zu beruhigen. Das war neu und ein Hinweis, dass die nach Tschernobyl einsetzende atomkritische Diskussion die Politbürokratie erreicht hatte, diese aber nicht wusste, was sie tun sollte. Bis dahin wurden solche technischen Monster gebaut und Kritik brutal unterdrückt. Das funktionierte nicht mehr: die Zahl der kritischen Geister war zu groß geworden.

Für mich war das eine Chance, tief in die Atomtechnik einzutauchen, mit vielen Fachleuten zu reden und mir die Baustelle des geplanten AKW bei Stendal anzusehen. Was ich dort gesehen und von den Ingenieuren gehört hatte, hat mir viele schlaflose Nächte und Alpträume beschert. Wie leicht es wäre, als Terrorist in so ein AKW einzudringen, welche Umweltbelastungen im störungsfreien Normalbetrieb schon entstehen. So wäre durch das Abwasser die Elbe so erwärmt worden, dass bis auf Bakterien alles Leben im Sommer abgestorben wäre. Bei Dürre hätte das Wasser nicht gereicht. Die Untersuchung musste ich dann zum Glück nicht mehr machen.

Das Ende der DDR war auch das Ende der Atomtechnik auf deren Gebiet. Ich muss aber ehrlich bekennen, wenn ich so einige Würdenträger von CDU und FDP über Atomenergie und darüber reden höre, dass Deutschland selbstverständlich die sichersten Atomkraftwerke der Welt haben, was die regierenden Atomfans auch in Japan, Frankreich, Großbritannien, den USA und anderswo ihren treuherzig gläubigen Wählern zu erzählen pflegen, dann fühle ich mich an die nationalistisch argumentierenden Funktionäre der DDR erinnert.

Ich halte es mit dem Philosophen Hans Jonas – jeder Mensch hat das Recht sein eignes Leben zu gefährden, aber niemanden darf es erlaubt sein, mit Technik zu herumzuspielen, bei der wenn es schief geht, zehntausende Unbeteiligte mit ihrem Leben bezahlen müssen.

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