Redebeitrag zur Demo „25 Jahre Tschernobyl“: der Ablauf der Katastrophe

5. Mai 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Steve Bormann (Ökolöwe, BgAL)

– Aus Sicht eines Kraftwerksfahrers im Kontrollraum –

Auslöser für die Probleme, die zu der Katastrophe führten, war der Test eines neuen Spannungswandlers. Hierzu sollte ein Stromausfall simuliert werden. Gleichzeitig sollte der Reaktor auch in Revision gehen, das heißt, die abgebrannten Brennelemente sollten ausgetauscht werden. Jeder der 4 Reaktoren im Atomkraftwerk hat eine thermische Leistung von 3200 MW.

Freitag, 25. April, 1 Uhr und in der Nacht vor der Katastrophe

100 %. Einhundert Prozent gibt er, seit er angefahren ist, unser Reaktor Nr. 4. Und jetzt, nach 2 ½ Jahren soll er mal abgeschaltet und auch noch getestet werden. Hätten die auch vorher machen können. Aber die da oben wissen’s ja immer besser. Aber schade, daß ich nicht dabei sein kann.

25. April, 23.10 Uhr: 50 %

Na, das hätte ich nicht gedacht. Die in Kiew hatten Stromhunger und deswegen konnte die Frühschicht den Reaktor nicht runterfahren. Aber ich bin jetzt dabei – dann habe ich mal einen ganzen Reaktor-Zyklus miterlebt.

26. April, 0.20 Uhr

Langsam geht es runter mit der Leistung. 35 …34 %. Das dauert noch ein bißchen.

26. April, 0.28 Uhr

Hoh!? Nur 30 MW? Das ist ja gerade mal ein Prozent der Leistung, was ist passiert? Aha, irgendjemand hat an einem Regler was falsches eingestellt? Mhh

26. April, 0.50 Uhr

So, langsam geht’s doch, immerhin sind wir wieder bei 7 Prozent Leistung. Aber das kostet wieder nur Zeit!

26. April, 1 Uhr

Was ist da nur los? Immer noch 7 Prozent? Wieso wird das nicht mehr? Die Steuerstäbe, die sind doch schon ganz weit draußen. Ach, was die da wieder machen…Wenn die da so weitermachen, dann fliegt uns der Reaktor um die Ohren…

1.19 Uhr

Also haben sie sich dazu entschlossen, alles zu machen. Ich soll jetzt die Sicherung für die Schnellabschaltung unterbrechen. Weil man, wenn was nicht klappt, den Test nicht noch mal machen könnte.

1.23 Uhr

So, alles erledigt und es kann kann losgehen! Genosse Akimov kann die Sicherheitsventile der beiden Turbinengeneratoren schließen.

Oh! Die Temperatur steigt an! Wo ist denn das Kühlwasser? Ist das etwa verkocht?

Die Leistung, was macht die Leistung? Sie steigt!

Akimov, fahr die Steuerstäbe runter!

Akimov, mach ihn aus! Mach ihn aus!

530 Megawatt, Tausend Megawatt, 3000, es hört nicht auf! Mach ihn aus! Mach ihn aus!

Er geht durch!

Hier muß der fiktive Bericht abbrechen – alles ist aus dem Ruder gelaufen. Das Reaktorgebäude ist durch zwei Explosionen zerstört worden. Der Reaktorkern liegt frei – extrem heiß und hochstrahlend. Das Graphit aus dem Reaktor liegt verstreut herum und kann die Kernschmelze nicht mehr stoppen.

1.28 Uhr

Zuerst rückt die Werksfeuerwehr an, aber es gibt weder Schutzkleidung noch Geigerzähler. Während die Feuerwehrleute versuchen, das Feuer auf dem Dach des angrenzenden Reaktorblocks zu löschen, werden sie verstrahlt. Der Reaktorblock Nr. 4 nebenan brennt.

5.00 Uhr

Der Wind dreht auf Nordwesten, in Richtung Baltikum und Skandinavien. Auch die kleine Stadt Pripjat liegt in dieser Windrichtung, ganz nah am AKW. Die Behörden denken nicht daran, die Bevölkerung zu warnen. Wegen des schönen Wetters stehen viele Fenster offen. Die verstrahlte Luft strömt in die Gebäude. Die Menschen haben keine Ahnung, was passiert. Auch in den Medien werden keine Meldungen verbreitet.

27. April

Erst am nächsten Tag werden die Menschen mit unendlich vielen Bussen aus Pripjat evakuiert. Die Armee rückt an. Sie versucht mit Hubschraubern, Sand und Lehm auf den Reaktorkern zu schütten und den Brand zu ersticken. Die Helikopter-Mannschaften erleiden durch die direkte Bestrahlung aus dem Reaktor schwerste Strahlenschäden. Auch am Boden aus wird versucht, den Reaktor zu kühlen – mit Wasser, daß sich dann in großer Menge im Fundament sammelt. In den Medien gibt es immer noch keine Meldung über die Ereignisse.

28. April

Im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark wird Atomalarm ausgelöst, weil erhöhte Strahlung gemessen wird. Später erkennt man, daß die Strahlung nicht aus dem eigenen Kraftwerk stammt. Stattdessen wird sie aus der Sowjetunion herübergeweht. Eine erste dürre Meldung der Nachrichtenagentur TASS gibt es dann am Abend: Es habe sich eine »Havarie« in Tschernobyl ereignet, aber es gebe keine Gefahr.

29. April

Militärhubschrauber werfen in den folgenden Tagen mehrere Tausend Tonnen unterschiedlicher Materialien über dem Reaktor ab: Borsäure gegen die Kettenreaktion, Dolomit gegen die Graphit-Brände, Bleibarren gegen Gammastrahlung, Sand und Lehm als Filter für den Rauch.

Sowjetische Stellen fragen in Deutschland an, wie sie mit dem Problem fertig werden können. Bundesinnenminister Zimmermann sieht keine Gefahr für Deutschland. Die deutschen AKWs sind für ihn die teuersten und die besten auf der ganzen Welt.

30. April

Die Radioaktivität kommt nun auch in Mitteleuropa an: In Deutschland, Österreich und der Schweiz werden erhöhte Werte von Radioaktivität gemessen.

1. Mai

Trotz der Katastrophe gibt es eine Maiparade auf dem Roten Platz, wo das Militär an der Führung vorbeimarschiert.

4. Mai

Erst jetzt wird auch die 30-Kilometer-Zone um Tschernobyl evakuiert. 85.000 Menschen verlassen ihre Heimat. Der Reaktor brennt noch immer. Der Reaktorkern droht, sich in den Boden hineinzuschmelzen.

400 Bergleute fangen an, unter dem glühenden Reaktor einen Tunnel zu bauen. In den Tunnel soll ein provisorisches Kühlsystem eingebaut werden.

Von den umliegenden Gebäuden sammeln jetzt Menschen Trümmer auf und werfen sie auf den brennenden Reaktor. Jeder von ihnen hat 2 Minuten Zeit.

Man versucht auch, den Schutt mit Robotern zu bewegen, aber die Roboter gehen wegen der starken Strahlung kaputt. Man setzt dann wieder auf Menschenmaterial.

10. Mai

Die Material-Abwürfe werden eingestellt. Experten sagen, daß nun alles „vorbei“ sei. Die glühende Reaktormasse aber läßt sich nicht durch Worte aufhalten und frißt sich weiter nach unten.

Mitte Mai

Die erste Stellungnahme von Staatschef Michail Gorbatschow im sowjetischen Fernsehen: Keine Entschuldigung, kein Bedauern für die Opfer.

20. Mai

Die Bergleute arbeiten unter der heißen Reaktorruine immer noch mit Schaufeln an den Tunnel für das unterirdische Kühlsystem.

6. Juni 1986

In Deutschland wird das Bundes-Umweltministerium gegründet

15. Juni

Einige Angehörige der Werksleitung werden entlassen. Man verurteilt sie später zu langen Haftstrafen.

Ende Juni

Der Tunnel für das Kühlsystem unter dem Reaktor ist fertig.

19. Juli

Die Führung in Moskau zieht Bilanz und vertuscht dabei ihre eigenen Fehler: Sie präsentiert manipulierte Opferzahlen und grobe Fahrlässigkeit des Personals als Unglücksursache. Bau- und Sicherheitsmängel am Reaktor werden verschwiegen.

Im Sommer 1986

Es beginnen die Aufräumarbeiten. Die Betonhülle um das Reaktorgebäude wird erreichtet. Unglaublich viele Menschen und Baustoffe werden benötigt, damit das zerstörte Reaktorgebäude überbaut werden kann. Jeder Bauarbeiter kann nur wenige Minuten arbeiten, dann wird er ersetzt.

Eine kurze Bilanz:

Am 15. November sind die Arbeiten am Sarkophag sind abgeschlossen. Zwischen 600.000 bis 800.000 Menschen wurden in Tschernobyl eingesetzt und dadurch einer erhöhten Strahlung ausgesetzt. In den 3 Ländern um das AKW herum kommt es zu erhöhten Krebsraten. Durch den immensen Einsatz von Ressourcen wurde das Wirtschaftssystem nachhaltig geschädigt.

Offiziell wurden 360.000 Menschen umgesiedelt.

Je nach Sichtweise wird es zwischen 10.000 und 100.000 Todes-Opfer geben. Der Grund hierfür sind die vielen Krebserkrankungen, die erst später ausgelöst werden und als Erbschäden auch bei den Kindern und Enkeln auftreten. Bis heute gibt es keine systematische Erfassung der Opfer.

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