Auswirkungen der Atomkraftlaufzeitverlängerung auf den deutschen Strommarkt – eine Leipziger Perspektive

21. Januar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Als Auftakt ihrer Energiereihe hat der AK Umwelt und Klimaschutz der Grünen Leipzig mit einem Fachvortrag am Mittwoch, den 19.01.2011, in ihre Geschäftsstelle eingeladen. Zu Gast war Hendrik Kondziella – wissenschaftlicher Mitarbeiter am Vattenfall Europe Lehrstuhl für Energiemanagement und Nachhaltigkeit, sowie Co-Autor der Studie „Auswirkung einer Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke auf die Preise und die Wettbewerbsstruktur im deutschen Strommarkt“.

Herrn Kondziellas Rede, bei der es in erster Linie darum ging, aus der Perspektive der Wissenschaftler und Ökonomen (Institut für Infrastruktur und Ressourcenmanagement/Universität Leipzig sowie arrhenius Institut für Energie- und Klimapolitik) darzulegen, welch nachteilige Auswirkung eine Atomkraftlaufzeitverlängerung auf die Erzeugungsstruktur kommunaler Energieunternehmen (Stadtwerke, Industriekraftwerke, unabhängige Erzeuger) hat. Im Auftrag der acht größten deutschen kommunalen Unternehmen ([KU] www.8ku.de) wurden mittels des Strommarktmodells „MICOES“ Szenarienanalysen erstellt (Quantitative Analyse der ökonomischen Auswirkungen einer Laufzeitverlängerung sowie Analyse der Instrumente zum Ausgleich der sich daraus für kommunale Unternehmen ergebenden Nachteile).

Vier Instrumente wurden bei der Analyse einbezogen: 1) Konventionelle Kraftwerke und Erneuerbare Energien, 2) Entwicklung der Brennstoff- und CO2-Preise, 3) Verlauf der Stromnachfrage und 4) Stützjahre (2010, 2015, 2020, 2025, 2030, 2035, 2040).

Nach Aussage Herrn Kondziellas sollte der vormalige Atomausstieg (Atomkonsens 2000) den fehlenden Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt ankurbeln und zudem eine effizientere Stromversorgung mittels Ausbaus der Kraft-Wärme-Kopplung und des verstärkten Einsatzes Erneuerbarer Energien fördern. Vor allem kommunale Unternehmen wie Stadtwerke hätten seitdem Investitionen in effiziente und innovative Energieerzeugungsanlagen getätigt.

Zur Analyse wurde auf die Darstellung des ökonomischen Modells „Merit Order“ zurückgegriffen, welches anschaulich die Einsatzreihenfolge deutscher Kraftwerke anhand steigender variabler Kosten der Stromerzeugung darstelle. Beginnend mit den niedrigsten Grenzkosten (Erneuerbare Energienanlagen), würden Kraftwerke mit steigenden Grenzkosten (in der Reihenfolge Atomkraftwerke, Braunkohle, Steinkohle, Erdgas (GuD) und Öl) zugeschalten, bis die Nachfrage nach Strom gedeckt sei. Eine Atomkraftlaufzeitverlängerung würde nun den Output der Gas- und Dampfkraftwerke, Gasturbinen und der damit verbundenen Kraft-Wärme-Kopplung verdrängen, da die niedrigeren Grenzkosten der Atomkraftwerke die Stromerzeugung ausweiten würden. Sprich, eine Verlängerung der Laufzeiten führe zu einer systematischen Erhöhung der in den Kraftwerken der Verbundunternehmen (E.ON, Vattenfall, EnBW, RWE) erzeugten Strommengen. 2015 entspräche die zusätzliche Strommenge für Verbundunternehmen 8 Prozent, 2025 sind es schon 64 Prozent. Demgegenüber wären kommunale Unternehmen Verlierer dieser politischen Entscheidung. Ihnen entginge 2015 eine Strommenge von 27 Prozent und 2025 12 Prozent. Für Stadtwerke eine beachtliche Summe. Sie wären die Verlierer einer Laufzeitverlängerung, da deren Marktposition auf der Erzeugerseite geschwächt werde und der Betrieb von gas- und kohlebefeuerten Kraftwerken, sowie Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen unwirtschaftlich und dementsprechend zurückgefahren werden müsste. Entgangene Erlöse kämen hinzu. Dies werde in der Wissenschaft als Mengen- und Preiseffekt beschrieben. Der Verdrängungseffekt senke die Strommenge, die in fossil befeuerten Kraftwerken erzeugt werde (Mengeneffekt). Daraus resultiere ein niedrigerer Spotmarktpreis (Preiseffekt).

Des Weiteren verwies Herr Kondziella darauf, dass die vier Verbundunternehmen (E.ON, RWE, Vattenfall, EnBW) 2010 auf der Stromerzeugungsstufe einen Marktanteil von ca. 80 Prozent hatten. Die restlichen 20 Prozent Marktanteil nahmen die kommunalen Unternehmen in Anspruch. Durch eine Atomkraftlaufzeitverlängerung würde sich das Marktungleichgewicht zu Gunsten der Verbundunternehmen verstärken, während die kommunalen Unternehmen Marktanteile verlieren würden. Die Vormachtstellung der Verbundunternehmen auf dem Strommarkt wäre somit über Jahre zementiert. Es ließe sich feststellen, dass eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke den vier großen Verbundunternehmen wirtschaftliche und finanzielle Vorteile zulasten der kleineren, unabhängigen Energieunternehmen (wie Stadtwerke) bringen würde. Konkret wurden zusätzliche Erlöse der Atomkraftwerke in Höhe von 104 Milliarden Euro (kumuliert bis 2040) errechnet. Demgegenüber würden kommunale Unternehmen entgangene Erlöse in Höhe von 36 Milliarden Euro verzeichnen (kumuliert bis 2040).

Als Resultat der Forschungsergebnisse betonte Herr Kondziella, dass eine Laufzeitverlängerung nicht nur die Marktstellung kommunaler Unternehmen eindämme, sondern ebenso den Neubau/Investitionen in innovative, effiziente Kraftwerke um Jahre verschiebe. Ziel der Verbundunternehmen sei in diesem Zusammenhang ein monetärer Vorteilsausgleich, der von Seiten der Politik durch ein wettbewerbsgerechtes Element wie die Brennstoffsteuer abgeschöpft werden könnte. Ähnliche Handlungsoptionen wären eine Sondergewinn/-steuerabgabe, der Verkauf der Kernkraftwerke oder deren Stilllegung.

Die Studie ist in ihrer Art die einzige, die die Auswirkungen einer Laufzeitverlängerung auf die Erzeugungsstruktur bisher untersucht hat.

Weitere Informationen unter:

http://www.8ku.de/fileadmin/media/8KU_Office/Kurzstudie_Dr_Boege.pdf

http://www.8ku.de/fileadmin/media/8KU_Office/Kurzstudie_Uni_Leipzig.pdf

 

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